Die nieder­län­di­sche Post verlässt Deutsch­land

Der größte Konkur­rent der Deut­schen Post bekommt einen neuen Eigen­tü­mer: Postcon steht zum Verkauf / Von Helmut Bünder

DÜSSEL­DORF, 6. August Auf dem deut­schen Brief­markt werden die Karten neu gemischt: Der nieder­län­di­sche Brief- und Paket­kon­zern PostNL zieht sich zurück und stellt seine Toch­ter­ge­sell­schaft Postcon zum Verkauf. Das in Ratin­gen ansäs­sige Unter­neh­men ist mit mehr als 3500 direkt ange­stell­ten Beschäf­tig­ten und weite­ren 1900 Mitar­bei­tern in Betei­li­gungs­un­ter­neh­men der mit Abstand größte Konkur­rent der Deut­schen Post.

Nach eige­nen Anga­ben stellt Postcon mehr als eine Milli­arde Sendun­gen im Jahr zu, in erster Linie Briefe von Großkun­den wie Behör­den, Unter­neh­men, Banken und Versi­che­run­gen, aber auch Kata­loge, Werbung und klei­nere Warensen­dun­gen, die in den Brief­kas­ten passen. Der Jahres­um­satz betrug zuletzt rund eine halbe Milli­arde Euro. Der Mutter­kon­zern begrün­dete seinen völlig über­ra­schen­den Schritt mit einer stra­te­gi­schen Neuaus­rich­tung auf das Geschäft mit Brie­fen, Pake­ten und ECom­merce auf dem Heimat­markt sowie in Belgien und Luxem­burg. Auch das klei­nere italie­ni­sche Toch­ter­un­ter­neh­men Nexive soll verkauft werden, um Geld für Inves­ti­tio­nen auf den Bene­lux­Märk­ten in die Kasse zu holen.

„Wir haben volles Vertrauen, dass die Manage­ment-Teams in beiden Ländern ihre stra­te­gi­schen Ziele errei­chen, das Geschäft weiter entwi­ckeln und ihre Posi­tion in Italien und Deutsch­land verstär­ken“, sagte Herna Verha­gen, Vorstands­chef von PostNL. Auch Rüdi­ger Gott­schalk, Chef von Postcon, verbrei­tete Zuver­sicht. „Mit dieser Entschei­dung beginnt für uns eine neue Zeit­rech­nung, die uns noch flexi­bler und agiler machen wird“, sagte er. Postcon werde seine „Preis- und Kosten­füh­rer­schaft“ gezielt ausspie­len. Analys­ten der Invest­ment­bank KBC sehen die Lage von PostNL im Ausland skep­ti­scher: Das schwa­che Geschäft dort sei verant­wort­lich für deren Gewinn­ein­bruch.

Bei einem Umsatz von 851 Millio­nen Euro verbuchte PostNL im zwei­ten Quar­tal unter dem Strich ein Minus von einer Million Euro und kappte seinen Jahres­aus­blick. Die Aktie gab am Montag an der Amster­da­mer Börse zeit­weise um fast 8 Prozent nach. Die Deut­sche Post profi­tierte nicht von den Nach­rich­ten über ihren Wett­be­wer­ber: Ihr Akti­en­kurs entwi­ckelte sich prak­tisch im Einklang mit dem Akti­en­in­dex Dax. Für Deutsch­land weist PostNL in seinem Zwischen­be­richt von April bis Ende Juni einen im Vergleich zum Vorjahr unwe­sent­lich gewach­se­nen Umsatz von 129 Millio­nen Euro aus.

Zum Ergeb­nis von Postcon macht der Konzern keine Anga­ben. Offen­bar waren die Zahlen aber nicht über­zeu­gend. Postcon hat zwar zuletzt mehrere neue große Verträge gewon­nen. Höhere Kosten durch das verstärkte Ausla­gern auf der letz­ten Meile hätten die Verbes­se­run­gen aber wieder zunich­te­ge­macht. „Die Umstel­lung auf eigene Zustel­lung geht lang­sa­mer voran, als wir es uns vorge­nom­men haben“, musste Gott­schalk gegen­über der F.A.Z. einge­ste­hen.

Weil die eigene Zustell­or­ga­ni­sa­tion nicht ausreicht, um ganz Deutsch­land zu bedie­nen, wird ein großer Anteil der Sendun­gen ledig­lich vorsor­tiert und dann in die Brief­zen­tren der Deut­schen Post einge­lie­fert. Deren Boten über­neh­men dann die Zustel­lung. Für diese Art der Vorar­beit (Konso­li­die­rung) bekommt Postcon zwar hohe Rabatte. Doch die Margen sind gerin­ger als bei eige­ner Zustel­lung. Bis heute hat es Postcon deshalb nicht geschafft, Gewinne zu erwirt­schaf­ten.

Der Post­nut­zer-Verband DVPT lobte das Ratin­ger Unter­neh­men als einen verläss­li­chen und aner­kann­ten Part­ner auf dem deut­schen Brief­markt. „Es wäre gut, wenn wir auch in Zukunft einen schlag­kräf­ti­gen und quali­täts­be­wuss­ten Konkur­ren­ten zur Deut­schen Post behiel­ten“, sagte DVPT-Vorstand Klaus Gett­wart der F.A.Z. Über einen Rück­zug von PostNL aus Deutsch­land, wo der Platz­hirsch Deut­sche Post den Markt laut Bundes­netz­agen­tur mit einem Anteil von rund 84 Prozent immer noch domi­niert, war immer wieder einmal speku­liert worden.

Vor zwei Jahren woll­ten die Nieder­län­der im Zuge einer Neuaus­rich­tung ihr Deutsch­land­ge­schäft noch stark ausbauen. Dazu hatte Postcon die Berli­ner Pin Mail mit 1100 Mitar­bei­tern über­nom­men. Anders als in den Nieder­lan­den, wo PostNL einen Mengen­rück­gang bei adres­sier­ten Sendun­gen um rund 10 Prozent im Quar­tal verkraf­ten musste, schrump­fen die Brief­men­gen hier­zu­lande nur um 2 bis 3 Prozent im Jahr. „Die Wech­sel­be­reit­schaft geschäft­li­cher Versen­der steigt“, ergänzt Gott­schalk. „Große Unter­neh­men und Behör­den sind nicht mehr bereit, das hohe Post­porto zu zahlen und dafür schlechte Quali­tät zu bekom­men.“Für die Postcon-Kunden soll trotz des Eigen­tü­mer-Wech­sels alles beim Alten blei­ben. Auch der Marken­auf­tritt werde sich nicht ändern. „Pin bleibt grün, und Postcon bleibt orange“, sagte Gott­schalk.

Der Verkaufs­pro­zess soll nach seinen Worten bis Anfang 2019 abge­schlos­sen sein. Gesprä­che mit Inter­es­sen­ten gebe es noch nicht. Der eine oder andere Bran­chen­ken­ner tippt auf einen Verlag, der sein Zustell­ge­schäft ausbauen will. „Das ist speku­la­tiv, aber nicht ausge­schlos­sen“, meinte Horst Manner-Romberg, Chef des auf die Post- und Paket­bran­che spezia­li­sier­ten Hambur­ger Bera­tungs­un­ter­neh­mens MRU. Auch andere Konso­li­die­rungs­un­ter­neh­men wurden als mögli­che Kandi­da­ten genannt, etwa Free­sort, eine Toch­ter­ge­sell­schaft der börsen­no­tier­ten Fran­co­typ-Posta­lia in Berlin.

In Frage kämen eben­falls Logis­tik­kon­zerne, die wie die west­fä­li­sche Fiege­Gruppe Erfah­run­gen im Brief­ge­schäft mitbräch­ten. Manner-Romberg rech­net auf jeden Fall damit, dass Finanz­in­ves­to­ren anklop­fen werden: „Für die könnte es eine Story werden.“ Auch wenn der deut­sche Brief­markt eher stagniert, sieht Postcon-Chef Gott­schalk für sein Unter­neh­men weiter­hin gute Chan­cen. Der eigene Markt­an­teil sei so klein, dass man sogar in einem schrump­fen­den Markt wach­sen könne, sagte er. Einen Favo­ri­ten als mögli­chen neuen Eigen­tü­mer habe er nicht: „Für mich kommt es darauf an, was der neue Eigen­tü­mer an Stra­te­gie und Inves­ti­ti­ons­be­reit­schaft mitbringt.“

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Quelle: Frank­fur­ter Allge­meine Zeitung vom 07.08.2018, Seite 22, Ressort Wirt­schaft von Helmut Bünder

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